Interview mit Dr. Michael Buess
Managing Director von DemoSCOPE AG – part of Norstat Group
Dr. Michael Buess arbeitet seit über 10 Jahren in der Marktforschungsbranche und verfügt über Erfahrungen in verschiedenen Führungsrollen. Seinen Werdegang begann er als Projektleiter bei DemoSCOPE AG. Von 2019 bis Ende 2025 war er geschäftsleitender Partner und führte das Unternehmen gemeinsam mit Albert Amrein und Stefan Klug. Nach dem Firmenverkauf im Jahr 2026 übernahm er die Rolle als Managing Director von DemoSCOPE AG – part of Norstat Group.
Im Interview sprechen wir über seinen persönlichen und beruflichen Weg:
Warum hast du Politikwissenschaften studiert – und wie prägt dich das heute noch in deiner Rolle?
Ich hatte nach der Kantonsschule keine klare Vorstellung, was ich später mal machen möchte. Deshalb fand ich den damals neuen Studiengang „Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften“ an der Universität Luzern (UniLU) sehr spannend. Er war auch interessant, aber für mich persönlich etwas zu Soziologie-lastig. Im zweiten Studienjahr kam dann Politikwissenschaft als Fach an der UniLU neu dazu und ich habe im Rahmen des Bachelors in „Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften“ einige Lehrveranstaltungen in Politikwissenschaft besucht, da mich (Alltags-)Politik schon immer interessiert hatte. Da mir die Themen und Inhalte sehr gut gefallen haben, habe ich dann den Master in „Weltpolitik und Weltgesellschaft“ weitergeführt und dort v.a. politikwissenschaftliche Veranstaltungen belegt und parallel auch als Hilfsassistent am politikwissenschaftlichen Seminar zu arbeiten begonnen. Kurz vor Ende des Masters bekam ich dann das Angebot, in einem SNF-Projekt mitzuarbeiten und begleitend eine Dissertation in Politikwissenschaft zu absolvieren, was mich sehr angesprochen hatte. So bin ich dann zum Politikwissenschaftler geworden.
Bis heute bin ich ein politischer Mensch und sehr interessiert am Politischen. Das Studium hilft mir bis heute dabei, gewisse politische Themen auch etwas distanzierter und analytischer zu betrachten, was ich bis heute sehr spannend und bereichernd finde. Ich würde es also auch heute jederzeit wieder studieren, auch wenn ich damals auf Umwegen dazu gekommen bin.
Wie bist du in die Marktforschung eingestiegen und was hat dich daran begeistert?
Nach dem Ende meiner Disseration und in den ersten Jahren als Postdoc (weiterhin an der Uni in Forschungsprojekten und der universitären Lehre) wurde mir immer klarer, dass ich etwas machen möchte, was praxisnaher ist und wo ich mein erlangtes Wissen und v.a. meine methodischen und analytischen Fähigkeiten praktisch anwenden konnte. Über einen Schul- und Unikollegen, der schon bei DemoSCOPE angestellt war, bin ich mit dem Thema Markt- und Sozialforschung in Kontakt gekommen. Daraufhin habe ich mich bei DemoSCOPE beworben und obwohl eigentlich gerade keine Stelle zu besetzen war, wurde ich als Projektleiter angestellt. Mich hat dann sofort begeistert, wie viel meines methodischen Wissens, welche ich lange für wenig anschlussfähig in der Praxis empfand, ich plötzlich in meine Tätigkeit bei DemoSCOPE einbringen konnte. Nach vielen Jahren der Arbeit an einem sehr kleinen Themenbereich im Rahmen meiner Dissertation, habe ich es zudem sehr geschätzt, viele verschiedene Themen/Projekte gleichzeitig bzw. parallel bearbeiten zu können. Das war und ist manchmal natürlich auch stressig und sehr anforderungsreich, aber ich schätze es bis heute, in viele Themen und Projekte gleichzeitig einzutauchen und auch immer mal wieder Querverbindungen machen zu können.
Führung, Familie und Verantwortung – wie gelingt dir die Balance im Alltag?
Ob bzw. wie gut mir das gelingt, müsste man vermutlich meine Familie und meine Kollegen bei DemoSCOPE fragen. Es ist und bleibt natürlich eine grosse Herausforderung, v.a. weil ich genau in der Zeit die Führungsverantwortung übernehmen durfte, als ich gerade zum zweiten mal Vater geworden war. Heute mit drei noch kleinen Jungs ist es natürlich nicht einfacher geworden, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Ohne eine sehr verständnisvolle Frau aber auch Kollegen bei der Arbeit, die mir auch mal den Rücken freihalten wenn es gerade wichtige/dringende familiäre Themen gibt, wäre das nicht möglich. Am Ende ist es immer ein Balancieren auf einem schmalen Grad und ich würde lügen, wenn ich nicht auch zugeben würde, dass es durchaus auch schon Phasen gab, wo diese Balance fast verloren gegangen wäre. Aber zum Glück wechseln sich bisher stressige Phasen auch immer wieder mit etwas ruhigeren ab. Sei es bei der Arbeit oder zuhause.
Was gibt dir ausserhalb der Arbeit Energie, und nimmst du davon etwas in deine Rolle als Managing Director mit?
Das ist eine gute Frage. Das ist sicher insbesondere meine Familie und mein privates Umfeld, die mich unterstützen und in meiner Tätigkeit auch bestärken. Daneben freue ich mich, dass es langsam wieder wärmer wird und ich bald wieder Zeit in unserem neu angelegten Garten verbringen kann. Selber Gemüse anzupflanzen, ihm beim Wachsen zuschauen zu können und es schlussendlich auch selber verarbeiten und geniessen zu können, macht mir grosse Freude. Zudem ist die manuelle Tätigkeit auch ein sehr geschätzter Ausgleich zu meiner sonst mehrheitlich kopflastigen Arbeit als Managing Director.
Was macht gute Marktforschung in der Schweiz heute aus, gerade in einer Zeit, in der Daten schneller, automatisierter und internationaler verfügbar werden?
Für mich ist gute Marktforschung trotz technischem Fortschritt und KI weiterhin eine Sache, die von Menschen, für Menschen und v.a. auch mit Menschen stattfinden muss. KI kann uns schnell und unkompliziert Antworten liefern, die häufig hilfreich sind und eine gute erste Orientierung bieten. Trotzdem soll und muss aus meiner Sicht der Mensch im Zentrum stehen. Denn am Ende betreffen ja auch Entscheidungen, die aufgrund von Marktforschung getroffen werden, den/die Menschen und nicht einfach Maschinen. Zudem bin ich überzeugt, dass der lokale Kontext bei vielen Forschungsfragen sehr relevant ist und deshalb auch die Befragung/Datenerhebung lokal erfolgen muss und nicht einfach eine globale Allgemeingültigkeit von Antworten auf Fragen der Marktforschung angenommen werden kann.
Vom Schweizer Unternehmen zur internationalen Gruppe: Welche Chancen und Herausforderungen bringt die Integration in eine internationale Organisation mit sich?
Grundsätzlich sind und bleiben wir bei DemoSCOPE ein lokal in der Schweiz verankertes Unternehmen mit Fokus auf den Schweizer Markt. Norstat ist glücklicherweise ein sehr dezentral organisiertes Unternehmen, dass auf genau diese lokale Verankerung der Ländergesellschaften setzt. Entsprechend sehe ich v.a. Chancen, dass wir uns in einem grösseren Markt einbringen können und auch von den Erfahrungen und insbesondere auch technischen Möglichkeiten der ganzen Norstat Gruppe profitieren können. Ich empfinde es auch als sehr bereichernd, mich mit anderen Ländergesellschaften und deren Führung regelmässig austauschen zu können. Man fühlt sich so auch etwas weniger „alleine“ als zuvor und hat entsprechende Gesprächs- und Sparringspartner in ganz Europa und seit kurzem auch in Lateinamerika.
Natürlich bringt es aber auch Herausforderungen mit sich. Vor allem ist es mir wichtig, dass die Mitarbeitenden von DemoSCOPE diese Integration ebenfalls als Chance und nicht als Gefahr sehen und wahrnehmen können. Das ist so leicht gesagt, stellt aber wirklich eine Herausforderung dar, welcher ich so viel Aufmerksamkeit wie möglich zu widmen versuche. Was zugegebenermassen neben dem weiterlaufenden Daily Business und der parallellaufenden (technischen und strukturellen) Integration nicht immer ganz einfach zu bewerkstelligen ist. Dabei hilft aber natürlich, dass auch die zwei anderen früheren Inhaber weiterhin an Bord sind und ihre Bereiche und Teams ebenfalls auf diesem Weg begleiten und führen.
Wenn du auf die nächsten Jahre blickst: Welche Rolle soll Demoscope innerhalb der Norstat Group in der Schweiz einnehmen?
Ich gehe davon aus, dass wir grundsätzlich unsere erfolgreichen Tätigkeiten in der Schweiz so weiterführen wie bisher und dass mit und durch Norstat aber auch neue Bereiche und Kundensegmente erschlossen werden können. Wir sind jetzt schon eine der grösseren Ländergesellschaften von Norstat (neben den skandinavischen Ländern wo Norstat herkommt und in den meisten dieser Märkte auch Marktführer ist) und diese Position möchte ich natürlich festigen und auch ausbauen. Mittelfristig möchten wir entsprechend auch in der Schweiz zum Marktführer werden. Im Bereich öffentliche Auftraggeber sind wir das bereits oder zumindest sehr nahe dran. Im Bereich Marktforschung gibt es aber noch viel, bisher nicht ausgeschöpftes Potential für uns und insbesondere in dem Bereich gehe ich davon aus, dass wir substanziell von der Integration in Norstat werden profitieren können. Umgekehrt glaube ich aber auch, dass wir im Bereich Sozialforschung und insbesondere in der Zusammenarbeit mit öffentlichen Auftraggebern wertvolle Erfahrungen und Tools haben, welche wir auch den anderen Nortstat Ländergesellschaften zugänglich machen können und werden.
Spannende Einblicke, ehrliche Antworten und persönliche Perspektiven aus der Praxis einer sich stetig wandelnden Branche.